Spitalkirche Baden-Baden Baugeschichte (von Raimund Rosch)

Im Rotenbachtal, im derzeitigen Eingangsbereich der Caracalla-Therme, standen im Mittelalter abseits des Wohngebietes ein Heilig-Geist-Spital für Kranke und Sieche und davor ein kleines Gotteshaus. Als „Kapelle der Seligen Jungfrau zum Spital“ wird sie erstmalig zum Jahre 1351 erwähnt. Nichts ist über ihren Ursprung und ihr Aussehen bekannt.
1468-1478 erfolgte ein Neubau des Spitals und der Kapelle. Dabei entstand eine Kirche im gotischen Stil, geschützt durch ein Steildach mit einem hochragenden Dachreiter hinter dem Chorgewölbe. Eine kleine Seitentür führte direkt zum Spital. Große Teile des Mauerwerks bestehen noch in der heutigen und demnach rund 540 Jahre alten Spitalkirche.
Als ab 1515 eine Stadtmauer die Einwohner schützte, blieb der Bezirk im Rotenbachtal außen vor. Zugang gewährte das etwa 50 Meter entfernte Gernsbacher Tor. 1582 wurde der Stadtfriedhof von der Stiftskirche hinunter ins Tal hinter Spital und Spitalkirche verlegt. Eine Mauer umgab das gesamte Areal.
1689 steckten französische Truppen die Stadt in Brand. In der Spitalkirche zerstörte das Feuer die hölzerne Decke und das gotische Steildach über dem Langhaus. Nur dessen Umfassungsmauern standen noch. Den Chor rettete sein steinernes Gewölbe, auch die Sakristei blieb erhalten.
Die Stadt erholte sich nur langsam von diesem Schicksalsschlag. Erst 1763 – 1766 zog man eine neue Decke über dem Langhaus ein und setzte darüber ein etwas flacheres Dach und darauf nahe der Frontseite ein barockes Türmchen. In dieser Form blieb die Kirche 200 Jahre erhalten, während staatliche Bauten das Rotenbachtal in Beschlag nahmen.

Ab 1815 wurden die Stadtmauer und seine Türme abgetragen, die Schutzgräben aufgefüllt. Vierzig Jahre später fand das Spitalgebäude eine neue Verwendung als Bezirksbauamt. Die Stadt legte einen neuen Friedhof an; den alten im Rotenbachtal pflegte man als Anlage.
Im Jahre 1950 wurde er eingeebnet; die letzten Gebeine barg man 1984 beim Bau der Therme und bestattete sie andernorts. Das Spitalgebäude verschwand 1960, um Platz zu schaffen für das Neue Augustabad, die Vorgängerin der Caracalla-Therme.
Der Spitalkirche drohte das gleiche Schicksal. Ein Kompromiss wendete es ab: Die staatliche Bäder-und Kurverwaltung ließ sie 1963 – 1966 zwar um 7 m einkürzen, dafür aber weitgehend restaurieren: In die neue Front wurden alte Baumaterialien eingefügt, insbesondere das alte gotische Fenster über dem Portal. Die Zahl der Seitenfenster reduzierte sich auf vier. Im Innern erneuerte man die Decke sowie den Fußboden und errichtete eine kleine Orgelempore. Dort oben verbirgt sich seitdem hinter einem barocken Prospekt aus dem 18.Jh. des Orgelbauers Georg Hladky, Baden-Baden, ein neues Orgelwerk aus der Werkstatt Wagner-Vier, Friesenheim, nach dem Vorbild einer alten Silbermannsorgel in Ettenheim-Münster. An der nördlichen Seitenwand wurde die zwischenzeitlich zugemauerte Seitentür wieder frei gelegt. In der Ecke, welche die südliche Wand mit der Frontseite bildet, verdeckte man 3 Rohre für die Abluft aus der neuen Tiefgarage und lenkte sie zum barocken Dach-
reiter. Die alte Glocke von 1748 aus Straßburg landete auf dem Langhausspeicher. Neben der Spitalkirche legte man eine Autostraße durch das Rotenbachtal an.
1983-85 wurde das Neue Augustabad zur Caracalla-Therme umgebaut. Die Zufahrt zur Tiefgarage, die bisher unmittelbar vor dem Portal der Spitalkirche lag, erfolgt nun auf Höhe der Rheumaklinik. Ein Fußweg ersetzte die Autostraße im Rotenbachtal.

Nutzung

Mit der Reformation mussten die Bürger Baden-Badens achtmal innerhalb von 100 Jahren
ihre Konfession wechseln, weil der jeweilige Herrscher es so wollte. Die auf Betreiben Napoleons erfolgte Säkularisation von 1803 machte die Spitalkirche landeseigen. Im liberaleren nunmehrigen Großherzogtum (1806-1918) fanden in der Spitalkirche seit 1832 Gottesdienste nach katholischen, evangelisch-protestantischem und anglikanischem Ritus statt. 1864 wurde die evangelische Stadtkirche, 1867 die anglikanische Kirche fertiggestellt. Am 19. Dezember 1873 gründet sich die altkatholische Gemeinde. Am 21. Februar wurde ihr die Mitbenutzung der Spitalkirche gestattet. Am 1. März 1874 zelebrierte sie den ersten Gottesdienst. Mit der staatlichen Anerkennung im Jahre 1884 übertrug der Großherzog den Altkatholiken das alleinige Nutzungsrecht.

Künstlerische Ausstattung

An den Seitenwänden im Innern stehen Grabplatten, die bis 1962 im Fußboden eingelassen waren. Die älteste lag einst im Chorboden. In gotischen Majuskeln erinnert sie mit einer einzeiligen Inschrift am Rand entlang an den Capellanus Frater Albert, verstorben am 26. März 1366. Die ursprüngliche Innengestaltung der Platte verschwand durch spätere Inschriften.
Die untere Hälfte des Mittelfeldes benennt zum Jahr 1624 Ehrwürden Herrn Melchior Keil, Pastor in Etingheim, verstorben während eines Kuraufenthaltes. Die obere Hälfte gedenkt des 1634 verstorbenen Hohen Herrn Wilhelm Pannel aus Antwerpen, Hofmalers zu Baden (= Baden-Baden).

Das prächtige Chorgestühl von 1512 mit eindrucksvollen Schnitzereien des Meisters Hans Kern, Pforzheim, wurde 1705 aus der Stiftskirche hierher versetzt. Ebenfalls Anfang des 16. Jh. gestaltete ein unbekannter Künstler die hölzerne Kanzel mit eindrucksvollen Reliefs in den vier Feldern des Kanzelkorbes. Beim Haupteingang steht ein Opferstock von 1712 aus Sandstein, der über zwei urige Eisentürchen verfügt. 1748 goss Matthäus Edel, Straßburg, die erwähnte Glocke für den Dachreiter „in honore virginis marie“ (Ø 74 cm, 200 kg, c“-1). Ein Kruzifix aus der Zeit um 1750 hängt heute im Altarraum über der Sakristeitür.

1946 – 1970 war Josef Lieser Pfarrer der Spitalkirche und der ehemaligen Kapuzinerkirche St. Mattias in Offenburg. Aus eigener Initiative mit der Zielsetzung, religiöse Inhalte durch moderne Kunst zu veranschaulichen, bereicherte er die Ausstattung beider Kirchen. Dazu nahm er Anfang der 1950er Jahre Verbindung auf zum deutschen Künstler Harry MacLean (1908 – 1994, seit 1945 in Heidelberg), der bedeutende kirchliche Werke im Auftrag aller Konfessionen schuf. Unermüdlich war Pfarrer Lieser unterwegs, um seine thematischen Vorgaben mit MacLean zu besprechen, um in den Werkstätten den Fortgang der Arbeiten zu verfolgen und nicht zuletzt um staatliche und private Sponsoren für die jeweiligen Objekte zu gewinnen. Auf diese Weise bekam die Spitalkirche in den Jahren 1951–1959 elf Fenster mit wertvollen Glasmalereien, angefertigt in der Glaskunstwerkstätte P. Meysen, Heidelberg. Sie veranschaulichen Themen aus der Offenbarung (Apokalypse) des Johannes von Patmos.

Im Rahmen der Restaurierungen der 1960er Jahre umkleidete der Metallbildhauer Hayno Focken, Lahr, nach Entwürfen MacLeans die Türen mit einer Mischung von Zinn und Kup-
fer: Die Haupteingangstüre verbildlicht die Auferweckung der Toten nach der Vision des Propheten Hesekiel; die kleine Seitentüre zeigt Moses vor dem brennenden Dornbusch; die äußere Sakristeitüre stellt den großen Dulder Hiob einem Opfer von Hiroshima gegenüber. Für die Sakramentsnische im linken Seitenpfeiler vor dem Chor, dem Tabernakel, entwarf MacLean eine Bronzetür, dazu das Ewige Licht. Im Chor hatte ein Hochaltar mit barockem Aufbau Teile der Glasfenster verdeckt. Man verkaufte ihn nach Frankental und ersetzte ihn durch einen gemauerten Altartisch mit Mosaiken in ungewöhnlicher Technik: Den Hintergrund bilden Glassteine und darüber abgesetzt formen Strukturen aus Messingdraht Bilder aus dem Leben Jesu. Ein neues Bronzekreuz und dazu passende Kerzenhalter schmücken die Altarplatte.

Die Mosaiken wurden 2015/16 durch die Glaskunstwerkstätte Linnenschmidt, Baden-Baden / Steinbach, aufwendig restauriert. Dafür setzte sich Hans Vogt ein, 1982 bis Anfang 2016 Pfarrer der altkatholischen Gemeinden Baden-Baden und Offenburg. Zuvor schon hatte er in Zusammenarbeit mit dem Münchener Bildhauer Klaus Backmund die Ausstattung der Spitalkirche erweitert, sie über Spenden finanzierend: Den vorderen Chorraum schmückt seit 1995 ein Zelebrationsaltar aus Bronze mit Reliefs an drei Seiten und einer Marmorplatte als Tisch. Dazu kamen ein Lesepult (Ambo) und ein Osterkerzenleuchter. Ein neben dem Eingang stehender Weihwasserkessel von 1504 in Kelchform erhielt als Taufbcken eine bronzene Abdeckung mit einem Fisch als Griff und einen neuen Platz links vor dem Chor. Zu Ehren der Kirchenpatronin wurde 2006 am linken Pfeiler im Eingangsbereich eine Marienikone angebracht, gefertigt von Eva Maria Steidel, Freiburg. Die darunter hängende Opferkerzenstelle aus Bronze gestaltete K. Backmund.

2007 ließ Pfarrer Vogt die alte Glocke vom Speicher holen und auf ihre Klangeigenschaft testen. Ergebnis: Sehr gut. Eine zweite Glocke („Jubilate“, Ø 66 cm, 180 kg, es“+2) wurde im darauffolgenden Jahr von der Firma Bachert, Karlsruhe, gegossen. Die Herstellung des Zierfrieses erfolgte durch die Künstlerin Eve Mayer-Jacob, Baden-Baden, nach dem Taizé Lied: „Jubilate deo, omnis terra“ (Lobt den Herrn, lobt ihn alle Völker).
Nun fand man auch eine Lösung, beiden Glocken ihren angemessenen Platz im barocken Dachreiter zu geben – neben den drei Abluftrohren.
Am 28.9.2008 vollzog Bischof Joachim Vobbe die Weihe der beiden Glocken.
Am 19.11.2008 wurden sie feierlich eingeläutet, ökumenisch begleitet von allen Glocken der Innenstadt.

Raimund Rosch, im Dezember 2016